Im Herbst des Jahres 1631 lag ein düsterer Schatten über Rothenburg ob der Tauber! Der Dreißigjährige Krieg hatte Franken verwüstet und als die kaiserlichen Truppen unter Feldherr Tilly vor den Toren der Stadt erschienen, schien das Schicksal Rothenburgs besiegelt. Trommeln hallten durch die engen Gassen, Fackeln loderten vor dem Rathaus und die Bürger fürchteten Plünderung und Zerstörung. In ihrer Verzweiflung reichten sie den Eroberern einen gewaltigen Weinpokal — den legendären »Kurfürstenhumpen«. Tilly ließ sich auf eine Wetter ein und versprach, die Stadt zu verschonen, wenn es einem Ratsherrn gelänge, den Humpen in einem einzigen Zug zu leeren. Altbürgermeister Georg Nusch wagte das Unmögliche — und wurde zur Legende, die Rothenburg bis heute jedes Jahr an Pfingsten aufs Neue lebendig werden lässt.
Wenn sich die Stadt an Pfingsten in Fahnen, historische Gewänder und Lagerfeuer hüllt, wirkt es beinahe, als hätte die Zeit für einige Tage stillgestanden. Zwischen den alten Mauern werden die dramatischen Ereignisse von damals wieder lebendig — nicht nur auf der Bühne, sondern in der gesamten Altstadt. Seit mehr als 140 Jahren gehört das Historische Festspiel »Der Meistertrunk« fest zu Rothenburg ob der Tauber und begeistert Jahr für Jahr Besucher aus aller Welt. Hinter den Kulissen arbeiten zahlreiche ehrenamtliche Helfer daran, die Geschichte der Stadt lebendig werden zu lassen. Der Verein Historisches Festspiel »Der Meistertrunk« e. V., gegründet im Jahr 1881, zählt heute über 900 Mitglieder und 29 historische Gruppen, die gemeinsam dieses außergewöhnliche Erlebnis gestalten.
Am Freitag vor Pfingsten beginnt das Festwochenende mit den ersten historischen Gruppen in der Altstadt und dem lebendigen Händler- und Handwerkermarkt auf dem Grünen Markt und rund um den Kirchplatz. Zwischen historischen Ständen, Handwerkskunst und fränkischen Spezialitäten tauchen Besucher bereits am Nachmittag auf dem historische Händler- und Handwerkermarkt auf dem Grünen Markt und am Kirchplatz tief in vergangene Zeiten ein. In diesem Jahr ist außerdem ein Scherenschleifer vor Ort, bei dem mitgebrachte Alltagsgegenstände wieder geschärft werden können. Am frühen Abend beginnt auf dem Marktplatz die feierliche Eröffnung des Festwochenendes. Musikgruppen und Festspieler sorgen in ihren historischen Gewändern für eine stimmungsvolle Atmosphäre und geben einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Den Höhepunkt des Tages bildet schließlich die Premierenaufführung des Historischen Festspiels »Der Meistertrunk« um 19:30 Uhr im Kaisersaal des Rathauses.
Der Pfingstsamstag steht ganz im Zeichen des historischen Lagerlebens und der Ereignisse der Zeit um 1631: Vom Rödertor bis zum Burggarten schlagen historische Gruppen ab 12:00 Uhr ihre Lager auf oder ziehen musizierend durch die Straßen Rothenburgs. Musketenschüsse hallen durch die Gassen, Landsknechtslieder erklingen vor den alten Mauern und überall begegnet man Spielleuten, Reitergruppen und historischen Darstellern. Im Garten neben der Franziskanerkirche erwartet Familien und Kinder ein buntes Programm mit Spielen und »Kurzweyl anno 1631«. Mittelpunkt des Tages bleibt der Marktplatz sowie das Rathaus, in dessen Kaisersaal das Historische Festspiel gleich zweimal - um 15:00 Uhr und um 17:30 Uhr- aufgeführt wird. Auch der traditionelle Schäfertanz ist an diesem Wochenende bereits in der Stadt präsent und erinnert an die große Bedeutung der Schäferei im mittelalterlichen Rothenburg. Am Abend zieht das Geschehen hinaus vor die Tore der Stadt. Im historischen Feldlager sorgen Feuerstellen, Livemusik und die große Feuershow der Gruppe »Mummenschanz« für eine eindrucksvolle Atmosphäre.
Am Pfingstsonntag erwacht Rothenburg bereits in den frühen Morgenstunden erneut zum Leben. Plündernde Haufen ziehen durch die Altstadt, überall wird musiziert, gesungen und »gefochten«. Bürgerfrauen, Panduren, Pikeniere und berittene Gruppen prägen das Bild des Tages. Im Kaisersaal des Rathauses wird der Meistertrunk erneut aufgeführt, während auf dem Marktplatz der historische Schäfertanz Besucher begeistert. Ein weiterer Höhepunkt ist der große historische Heereszug mit über 900 Teilnehmern, Pferden und Fuhrwerken, der sich durch die Altstadt schlängelt. Im Feldlager vor dem Galgentor wird anschließend die Rettung Rothenburgs gefeiert — mit historischem Lagerleben, Livemusik und festlicher Stimmung bis tief in die Nacht.
Auch am Pfingstmontag steht Rothenburg noch einmal ganz im Zeichen des Meistertrunks. Nach der letzten Aufführung des Festspiels um 10:30 Uhr im Kaisersaal ziehen die historischen Gruppen gemeinsam hinaus zum Feldlager, wo das Rothenburger Bürgerfest Einheimische und Gäste zum geselligen Ausklang einlädt. Noch einmal sind die prachtvollen Gewänder, historischen Uniformen und Reitergruppen in der ganzen Stadt zu bestaunen. Am Abend endet das Pfingstwochenende mit dem feierlichen Abschied von Feldherr Tilly auf dem Marktplatz — ein stimmungsvolles Abschlussbild vor der historischen Kulisse Rothenburgs.
Noch mehr Informationen zum kompletten Programm findest du auf der Webseite des Vereins »Der Meistertrunk« .
Wer den Meistertrunk erlebt, besucht nicht einfach nur ein Festspiel — sondern taucht mitten hinein in eine vergangene Zeit. Zwischen Lagerfeuern, Trommelschlägen, historischem Marktleben und den Mauern der mittelalterlichen Altstadt wird Geschichte lebendig wie kaum an einem anderen Ort.
Wir wünschen dir ein tollen Pfingstwochenende und viel Spaß beim Eintauchen in die Vergangenheit!
Julia & Sandra